Ab in die Abstellkamer
Kulturelle Vereine und Institutionen sind gegen Kaiserpfalzschließung

Strahlkraft weit über die Region hinaus: Heute dient die Kaiserpfalz als Museum und als Ort für Konzerte, Vorträge und festliche Veranstaltungen. Sie gehört dem Domkapitel in Paderborn; das Museum wird als Teil der LWL-Archäologie für Westfalen des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) betrieben. Prof. Hermann Kamp (Historisches Institut der Universität Paderborn), Dr. Hermann-Josef Schmalor (Direktor des Altertumsvereins Paderborn), Marianne Moser (Kustodin der archäologischen Vereinssammlung) und Dr. Michael Wittig (Verein für Geschichte an der Universität Paderborn), kritisieren die Schließungspläne des LWL.

Paderborn. Als Reiseziel karolingischer Könige ist die Kaiserpfalz in Paderborn heute nicht nur kleinen und großen Besuchern des Museums in der Kaiserpfalz ein Begriff. Die Ausgrabung der Pfalzanlagen nördlich des Doms seit den 60er-Jahren hat der Stadt europaweit Aufmerksamkeit verschafft. Mit der Pfalz aus dem 11. Jahrhundert und der noch wesentlich älteren Anlage, die Karl der Große vor über 1.200 Jahren errichten ließ, wurde damals ein Ort wiederentdeckt, an dem sich nicht nur westfälische Geschichte, sondern auch welthistorische Ereignisse abspielten. So gelang es den Paderborner Stadtarchäologen in Verbindung mit dem Museum in der Kaiserpfalz über viele Jahre hinweg eine ganze Serie von neuen, aufregenden Ergebnissen zur Geschichte der Domstadt zu erarbeiten. Ergebnisse, deren weitere Präsentation für Bürger und Besucher Paderborns nun in Frage steht. Denn der Landschaftsverband Westfalen-Lippe will im Zuge seiner Sparmaßnahmen auch das Museum in der Kaiserpfalz schließen.

Schließungspläne gefährden kulturelle und wissenschaftliche Arbeit

Die angekündigte Schließung des Kaiserpfalzmuseums trifft bei den Paderborner kulturellen Vereinen und Institutionen auf heftige Kritik. „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist es wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger einen Zugang zu verschiedenen Kulturangeboten in der Region behalten. Das Museum in der Kaiserpfalz trägt als Ort des kulturellen Gedächtnisses seit vielen Jahren zur Identitätsfindung bei. Als außerschulischer Lernort ist es wichtig für die frühzeitige kulturelle Bildung der nachwachsenden Generation“, betont Dr. Hermann-Josef Schmalor, der Direktor des Paderborner Altertumsvereins. Die in der Kaiserpfalz geleistete vielfältige, sehr erfolgreiche Öffentlichkeits- und Vermittlungs-Arbeit zeigte sich in den vergangenen Jahren in verschiedensten Ausstellungen, Führungen, Lesungen, Vorträgen und diversen Sonderveranstaltungen. „Es geht hier nicht nur um Bistums- oder Stadtgeschichte, sondern um ein Zeugnis europaweit wirkender Geschichte in karolingischer Zeit“, sagt Dr. Michael Wittig vom Verein für Geschichte an der Universität Paderborn.

Besonders die großen Ausstellungen sorgten auch international für Aufmerksamkeit, sie drehten sich zuletzt um die Karolinger, Königin Kunigunde, den Canossa-Gang und Bischof Meinwerk. Dadurch zählt Paderborn inzwischen neben Berlin, Magdeburg und Mannheim zu den führenden Stätten großer historischer Ausstellungen.

„Das Museum in der Kaiserpfalz spielt eine wichtige Rolle für die wissenschaftliche Forschung. Es  hat entscheidend dazu beigetragen, dass die mittelalterliche Geschichte an der Universität Paderborn inzwischen eine der Geschichte der Stadt angemessene zentrale Rolle in Forschung und Lehre spielt.“, erklärt Professor Hermann Kamp vom Historischen Institut der Universität Paderborn.

Die Möglichkeiten, die sich mit den großen Paderborner Ausstellungen ergaben, mündeten schließlich in die Gründung des Instituts für die Erforschung des Mittelalters und seines Nachwirkens (IEMAN) ein, das in hohem Maße von der Zusammenarbeit mit den beiden Paderborner Museen lebt und sowohl bei der Karolinger-Ausstellung als auch bei der Canossa-Ausstellung durch Tagungen die Ausstellungen vorbereitet hat. Das IEMAN, das zu den wenigen zentral geförderten kultur­wissenschaftlichen Einrichtungen an der Universität gehört und inzwischen zu den etablierten Mittelalterzentren in Deutschland zählt, lebt ganz entscheidend von der Kooperation mit dem Museum in der Kaiserpfalz, da von dort die archäologische Kompetenz kommt, die neben der Geschichte und Literaturgeschichte das Gesicht dieser Forschungsinstitution entscheidend prägt. Diese Kooperation ermöglicht in die Konzeption eines Masterstudiengangs unter dem Titel ‚Angewandte Kulturwissenschaften der Vormoderne’, in dem die Studierenden auch den praktischen Teil ihres Studiums in der Kaiserpfalz ableisten sollen.  

„Das Museum in der Kaiserpfalz bringt bei relativ geringen laufenden Kosten einen erheblichen Mehrwert für die Lebensqualität der Menschen und die Ausstrahlung der Region“, meint auch die Archäologin Marianne Moser, die als Kustodin die umfangreiche archäologische Sammlung des Altertumsvereins Paderborn betreut. Die Kaiserpfalz sei als Spezialmuseum auch im Bereich der archäologischen Sammlungen eine national anerkannte Institution: „Die im Museum ausgestellten Funde aus Stadtgrabungen und anderen Orten der Region machen am Platz des Geschehens Archäologie und Geschichte für alle Besucher begreifbar und erlebbar.“  Eine Präsentation der Exponate im LWL-Museum für Archäologie Herne ist für die Kustodin nicht vorstellbar: „Wenn die Paderborner `Sahnestücke` nach Herne verbracht werden, reißt man sie aus dem örtlichen Zusammenhang und nimmt ihnen damit einen Großteil ihrer historischen Aussagekraft. Funde, die in den letzten 100 Jahren oft durch Einzelleistung besonders engagierter Bürger im Stadtgebiet geborgen und dem Verein zur Obhut überlassen wurden, werden wir nicht in Herne präsentieren oder gar im Magazin des LWL in Coerde einlagern.“ 

Die Schließung des Museums, da sind sich alle kulturellen Vereine und Initiativen einig – wäre nicht nur ein schwerer Verlust für die touristische und kulturelle Attraktivität Paderborns, sondern für die westfälische Museumslandschaft insgesamt.